Portrait von Guido Klumpe im T-shirt mit Minimal-city-Logo vor eine bunten Wand

Guido Klumpe

Fotograf mit einer starken Sehbehinderung.

"Wie siehst Du eigentlich?"

Das ist eine Frage, die Guido Klumpe häufiger gestellt wird. Denn er, geboren 1971 in Osnabrück, ist seit Geburt stark sehbehindert. 

Auf der linken Seite ist er blind, auf der rechten Seite hat er ein Sehvermögen von 25 Prozent. Seine Wahrnehmung ist zweidimensional und hat wenig Details: „Für mich ist die Welt wie ein Internetvideo mit geringer Datenrate. Bei einem einzelnen Gesicht erkenne ich Einzelheiten, Gesichter in einer Menschenmenge sind nur Flächen". 

 

Mit 16 Jahren entdeckt er seine Passion für die Fotografie. Zunächst auf Konzerten für ein Jugendzentrum, später auch im wiederbelebten Fotolabor mit eigenen Workshops in Bildentwicklung. Nach dem Abitur reist er für ein Jahr durch Südostasien und entdeckt die Magie der Street Fotografie. 

Intuitiv erfasst er fotografisch den entscheidenden Augenblick in Szenen der menschlichen Interaktion, ohne das Genre zu kennen. Zurück in Deutschland wollte er sich für ein Studium der Fotografie einschreiben, doch die deutsche Bürokratie hielt ihn auf. Als sehbehinderter Mensch sei er nicht geeignet für das Studium. 

„Damals habe ich die Meinung verinnerlicht, ich könne kein erfolgreicher Fotograf werden. Stattdessen studierte ich soziale Arbeit und leistete unter anderem psychosoziale Beratung für Menschen, die früher als Kinder in Behinderteneinrichtungen schlimme Erfahrungen machen mussten.“

 

Eine Dokumentation über bekannte Street Fotografen in New York brachte ihn wieder auf den Weg. Er erinnerte sich an die Freude und Leidenschaft, in der er die Street Fotografie entdeckte. 

 

Heute ist er ein erfolgreicher Künstler, seine minimalistischen Architektur- und Street Fotografien werden international gezeigt und gewinnen viele Auszeichnungen. „Mittlerweile weiß ich, dass es bei der Fotografie nicht darauf ankommt, wie klein die Buchstaben sind, die man beim Sehtest erkennen kann. Es geht in der künstlerischen Fotografie nicht darum wieviel man sieht. Es geht darum, wie man sieht und wie man es umsetzen kann. Durch die Fotografie gehe ich an und über die Grenzen meines Sehens“.

 

Seine aktuelle Serie „Loosing one dimension“ ist eine Reaktion auf die Pandemie:
„Als Corona Deutschland erreichte, arbeitete ich an einer Serie, die das Spannungsverhältnis zwischen den urbanen Räumen und ihren Bewohnern untersucht. Mit dem Lockdown verschwanden die Menschen von den Straßen. Das brachte mich dazu, die Architektur auf eine neue Art zu untersuchen. Ich arbeite bevorzugt in urbanen Außenbezirken, in denen sich nüchterne, aber farbenfroh gestaltete Betriebe und Einkaufszentren befinden. Dort kann ich die Ebenen der Gebäude durch Wahl des richtigen Blickwinkels kombinieren. In den Fotografien erforsche ich den Moment des Überganges, in dem sich dreidimensionale Architektur durch Reduzierung der optischen Bezugspunkte ins Zweidimensionale auflöst. Es geht um den Prozess des Sehens: Was brauche ich an Informationen, um sicher sagen zu können, was Vorder- und was Hintergrund ist? Ist dies ein Objekt, oder sind es mehrere die sich überlagern? 

Ist es Malerei oder Fotografie?
Ich arbeite daran, dass meine Bilder etwas Rätselhaftes beinhalten. Ich möchte die Betrachter einladen, sich mit dem Prozess des Sehens zu beschäftigen: Was ist in dem Bild vorne, was ist hinten, wie setzt es sich zusammen? Es geht darum, achtsamer durch die Straßen zu gehen, und sich an Farben und Formen zu erfreuen, die uns umgeben.“