
Die Geschichte des sehbehinderten Fotokünstlers
Guido Klumpe
„Es ist nicht entscheidend, wieviel man sieht.
Es ist entscheidend, wie man sieht und das Gesehene zeigen kann."

Guido Klumpe hat eine ganz eigene fotografische Bildsprache entwickelt, die sich virtuos auf der Schnittstelle zwischen Abstraktion und Narration bewegt. Ansichten auf städtische Architektur in extremer formaler Verdichtung werden Blicken auf das städtische Leben im Stil der Street Fotografie gegenübergestellt. Gerade die Kombination dieser beiden sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen des Urbanen macht den besonderen Reiz dieser Arbeiten aus. Sie lösen sich ab von dem Anspruch, ein realistisches, eindeutig zu interpretierendes Bild der Welt zu schaffen. Ganz im Gegenteil kreieren sie ein radikal subjektives visuelles Konstrukt, das die Fantasie und Vorstellungskraft der Betrachter*innen stimuliert.
Nicht das Faktische hat für den Künstler die erste Priorität sondern das Imaginäre.
Minimalismus ist für Klumpe kein ästhetischer Selbstzweck, sondern grundlegend. Er reduziert seine Bilder auf das Wesentliche und hinterfragt damit die Art und Weise unseres Sehens. Er nutzt den Moment des Übergangs, in dem sich die dreidimensionale Architektur durch die Reduktion der optischen Bezugspunkte ins Zweidimensionale abstrahiert. Mittels Perspektive und Standpunkt setzt er die Gebäudeebenen fotografisch zusammen.
Die konsequente Abstraktion in den sehr fragmentarischen Bildern gibt den Formen, Linien, Oberflächen und Farben eine ganz eigene Wirkungskraft. Sie erscheinen zum Teil wie Malerei und so ist es auch kein Wunder, dass Guido Klumpe als Quelle der Inspiration nicht nur Fotografen wie Franco Fontana oder Saul Leiter angibt, sondern auch Maler wie Edward Hopper, Mark Rothko oder Piet Mondrian.
Wenn man die sehr präzise komponierten Bilder von Guido Klumpe sieht, ist man erstaunt, zu erfahren, dass der Künstler eine starke Sehbehinderung hat. Auf dem linken Auge ist er von Geburt an blind und auch die Sehfähigkeit des rechten Auges ist mit 25% stark eingeschränkt. „Ich lebe sozusagen in einer simulierten Dreidimensionalität.“ Die Sehbehinderung ist für Guido Klumpe keine Beschränkung bei der Gestaltung von Aufnahmen, die in dem Bruchteil einer Sekunde die äußere Welt und innere Vorstellungen von ihr zur Deckung bringen. Er hat ein feines Gespür dafür entwickelt, seiner ganz individuellen, sehr ungewöhnlichen Wahrnehmung der Welt eine Form zu geben
Neben dem Verhältnis von Mensch und Raum spielt die Wahrnehmung der Zeit eine wesentliche Rolle bei Guido Klumpe. Die Entrückung aus jeder Zeitlichkeit bei den abstrakten Bildern prallt auf die Erfassung einer flüchtigen Momenthaftigkeit bei den Street Fotografien. Die ungewöhnliche und manchmal auf den ersten Blick paradox wirkende Kombination der Bilder ermöglicht einen unverbrauchten Blick auf unser Lebensumfeld, gerade weil sie das Abgebildete von einer scheinbaren Selbstverständlichkeit befreit. Es ist das Rätselhafte im Alltäglichen, das für den Künstler eine magische Anziehungskraft hat. Losgelöst von einer rein logisch bestimmten Sicht der Welt wird eine Wahrnehmung ermöglicht, die ein breites Spektrum von Emotionen zulässt und dabei auch das Unerwartete und nicht Planbare mit einbezieht. Mit einem feinen Sinn für Humor werden Absurditäten des urbanen Lebens in visuell komprimierter Form pointiert eingefangen.
Die Anwesenheit des Menschen ist ein bedeutender Faktor in seiner Arbeit, weil sie im Kontrast zu den grafisch verdichteten Farbkompositionen dem Narrativ der Serie ein vielschichtiges Leben einhauchen. Die Protagonist*innen erscheinen dabei in sehr unterschiedlicher Form, als Schattenfiguren und in körperlicher Präsenz, in Menschenmassen und als isolierte Wesen, als Passant*innen und statische Personen, ausschnitthaft mit nur einem Körperteil und als winzige Figur im städtischen Labyrinth. Die rhythmische Abfolge im Fluss der Bilder lässt eine Choreografie im städtischen Geschehen sinnlich erfahrbar machen, die in ihrer Klarheit die Betrachter*innen mitnimmt auf die Reise in eine komplexe Vision des Urbanen.
Die Geschichte von Guido Klumpe
Seit seiner Geburt ist Guido Klumpe auf der linken Seite blind. Auf der rechten Seite hat er ein Sehvermögen von 25 Prozent. Seine Wahrnehmung ist zweidimensional und erfasst nur wenig Details. „Für mich ist die Welt wie ein Internetvideo mit geringer Datenrate. Sehe ich ein Gesicht, erkenne ich manche Einzelheiten. Gesichter in einer Menschenmenge sind nur Flächen“.
Guido Klumpe war 16 Jahre alt, als er seine Passion für die Fotografie entwickelte. Auf einer Reise durch Südostasien entdeckte er die Magie der Street Fotografie. Nach dem Abitur wollte er Kunst und Fotografie studieren. Doch er hatte bei seinen Plänen die deutsche Bürokratie unterschätzt. Aufgrund seiner Sehbehinderung wurde er aus formalen Gründen nicht zur Bewerbung zugelassen. Ihm wurde eine Ausbildung zum Masseur oder Telefonisten empfohlen.
1999 bekam er die staatliche Anerkennung als Diplom-Sozialarbeiter und arbeitet seitdem im Bereich der psychosozialen Beratung und Unterstützung.
2017 sah er eine Dokumentation über bekannte New Yorker Street Fotografen. Wenige Tage später kaufte er sich eine Kamera, zog durch die Straßen und machte in den folgenden Jahren Fotoserien, die heute internationale Beachtung finden.
„Mittlerweile weiß ich, dass es in der künstlerischen Fotografie nicht darum geht wieviel man sieht. Vielmehr geht es darum, wie man sieht und wie man das Gesehene umsetzt. Durch die Fotografie gehe ich an und über die Grenzen meines Sehens“.